Zum Vorkommen der Schachblume (Fritillaria meleagris) bei Neubrandenburg

Heinrich Krebber, Neu Rhäse

„Die Schachblume ist ein subatlantisch-submediterranes Florenelement. Nach KRAUSCH erstreckt sich ihr natürliches Verbreitungspotential von der Normandie über Mittel – und Südfrankreich, die Vorländer der Alpen, Kroatien, Serbien, Ungarn bis nach Rumänien. In Mitteleuropa dürfte die Art nicht ursprünglich sein und die Vorkommen auf Verwilderung und absichtliche Auspflanzungen zurückgehen.“
So steht es im Internet bei WIKIPEDIA und damit sind wir in diesem Punkt sozusagen erst einmal auf der Höhe des Wissens unserer Zeit…
Und dieses trifft, wie wir noch lesen werden, auf das Schachblumen vorkommen bei Neubrandenburg im ganz besonderen Maße zu. Die Schachblume blüht bei uns Ende April bis Anfang Mai. Während dieser kurzen Blütezeit, wenn das Gras auf „ihrer“ Wiese noch kurz ist, bieten ihre Vorkommen sehr attraktive, exotisch anmutende Bilder. Diese Attraktivität, verbunden mit einer robusten Ausbreitungsfreudigkeit wird der Grund dafür sein, dass naturinteressierte Menschen sie an vielen Stellen in Mitteleuropa, aber auch im Baltikum und Skandinavien angepflanzt und so inselartige, aber durchaus reproduktionstüchtige Vorkommen begründet haben. Voraussetzung ist, dass ihr die Bedingungen vor Ort zusagen. Sie ist lichthungrig und liebt nasse, gelegentlich auch überschwemmte, neutrale Standorte.
FUKAREK berichtet 1977 in der Schriftreihe „Naturschutzarbeit in Mecklenburg“ von der Verbreitung der Schachblume im Norden der damaligen DDR. Ihm waren dort seinerzeit 22 Vorkommen bekannt, darunter bemerkenswerter Weise keines in der Nähe Neubrandenburgs.
Das damalige Vorkommen bei Neubrandenburg war noch klein, ein „Geheimtip“ also und noch nicht zentral erfasst. Der aktive Neubrandenburger Naturschützer Reinhold SAHRE brachte die Kunde davon mehr „nebenbei“, allerdings schon 1975 in den damaligen Neubrandenburger Bezirksfachausschuss Botanik. Erwin HEMKE berichtet, dass er damals zusammen mit SAHRE das Vorkommen in Augenschein genommen habe. Die Population umfasste nach seinen Angaben damals 20 – 30 blühende Pflanzen im Grasland an der damaligen Gaststätte „Hopfenburg“.
Dem Autor war das Vorkommen Anfang der 70er Jahre ebenfalls bekannt. Nach meiner Erinnerung und Schätzung handelte es sich jedoch dabei um mehr als 100 blühende Exemplare. Fakt ist in jedem Falle: Es war ein eher kleines Vorkommen.
Dieses Biotop wurde im Jahre 1982 „großzügig“ in eine Meliorationsmaßnahme einbezogen und existiert seitdem an diesem Standort nicht mehr. SAHRE sammelte die damals ausgepflügten Zwiebeln sozusagen auf der Baustelle, kultivierte sie zwischenzeitlich ganz unkonventionell in seinem Garten und bewahrte sie so vor der Vernichtung. Man brauchte jetzt einen geeigneten Standort und wurde „fündig“: Ein überschaubarer Wiesenabschnitt mit hohem Grundwasserstand am Rande des Tollensetales. R. SAHRE war hier auch die treibende Kraft bei dessen Unterschutzstellung.Das anfängliche Ziel war der Schutz und die Förderung von dort vorkommenden drei Orchideenarten (Dactylorhiza majalis mit ca. 100 bl. Ex., Epipactis palustris mit ca. 20 bl. Ex., und Listera ovata mit ca. 5 bl. Ex.)
Zur Unterschutzstellung dieser Fläche erhielt der Autor auf Anfrage von der unteren Naturschutzbehörde (Christina AHRENT) eine umfassende, sozusagen druckfertige Auskunft, welche nachstehend nahezu wörtlich wiedergegeben wird: „Mit Schreiben des Kreisnaturschutzbeauftragten, Herrn Kurt HOFMANN, vom 3.3.1982 an den Rat der Stadt Neubrandenburg, Abt. Umwelt und Wasserwirtschaft, erfolgte die Antragstellung auf einstweilige Sicherstellung einer speziellen Fläche in den Tollensewiesen gemäß § 15 der 1. DVO zum Landeskulturgesetz. Zum damaligen Zeitpunkt befand sich die Fläche in Rechtsträgerschaft der LPG Chemnitz, die angeschrieben wurde und bestätigte, dass „diese Fläche schon jahrelang nicht mehr genutzt wird, weil sie mit den heutigen schweren Maschinen nicht befahrbar ist.“

Mit Beschluss des Rates der Stadt Neubrandenburg (Nr. 0092/83) erfolgte 1983 die Ausweisung der ca. 1,2 ha großen Feuchtwiese in der Tollenseniederung als Flächennaturdenkmal (FND). Die darauf eingezäunte Fläche von ca. 0,1 ha ist die floristisch wertvollste und kann als Beispiel für den Zustand von Feuchtwiesen in der Tollenseniederung vor Beginn großflächiger Meliorationsmaßnahmen und intensiver Beweidung angesehen werden.

Die zur Rede stehende Fläche wurde früher extensiv genutzt und weist durch austretendes Hangschichtwasser gegenüber den Flächen der Umgebung einen höheren (Grund-) Wasserstand auf. Durch die Aufgabe der Bewirtschaftung durch die LPG Chemnitz hat sich die für Niedermoor-Talwiesen typische Vegetation erhalten/wieder eingestellt.

Voraussetzung zum Erhalt der Fläche ist jedoch die Beibehaltung einer 2-schürigen Mahd (1. Schnitt ab Ende Juli, 2. im Herbst) und ein Entfernen des Mähgutes von der Fläche, um einen Nährstoffeintrag zu unterbinden. Bleibt die Mahd aus, würde die Wiese verschilfen. Entwässerung und Düngung sind zu unterlassen!

Durch die Fachgruppe Botanik des Kulturbundes, spez. Herrn Reinhold SAHRE wurden Exemplare der Schachbrettblume, der Trollblume und der Herbstzeitlose von anderen Standorten auf die eingezäunte Fläche des FND umgesiedelt und somit vor Vernichtung durch Bauarbeiten, Melioration oder andere Veränderungen am ursprünglichen Standort gerettet.

1988 erfolgte eine umfassende floristische Kartierung der Feuchtwiese durch Herrn Andreas MOHR im Zusammenhang mit der Erarbeitung des Landeskulturellen Gutachtens zur Tollenseniederung durch Dr. H. D. KNAPP. Die Auflistung der darin enthaltenen Pflanzensippen kann im Großen und Ganzen noch als aktuell angesehen werden;

Insbesondere kümmerte sich Herr SAHRE auch im Weiteren um die Mahd der Fläche (noch per Sense!!!) und wurde nach der Wende bis zu seinem Tod 2001 durch 2 x jährliche Pflegeeinsätze der Bundeswehr (es Bestand eine Pflegevereinbarung zwischen der Stadt Neubrandenburg und dem Verteidigungsbezirkskommando der Bundeswehr bis zur Auflösung der Einheit Mitte der 2000er Jahre) unterstützt.

Danach übernahmen nacheinander zwei ABM-Träger die Mahd der Fläche. Der Koppelzaun wurde zwischenzeitlich durch diese Arbeitskräfte 2 x erneuert und diente hauptsächlich dem Verbissschutz durch die angrenzende Beweidung durch Pferde, nachdem 2004 die Tiere dort großflächig Schaden anrichteten. - Die Koordination der Einsätze erfolgte bis 2012 in Abstimmung mit A. STAPEL, untere Naturschutzbehörde der Stadt Neubrandenburg bzw. des Landkreises MSE. “Durch die Kombination von geeignetem Standort und kontinuierlicher Pflege hat sich insbesondere das Schachblumenvorkommen äußerst gut entwickelt. Die Zahl der blühenden Exemplare nahm von Jahr zu Jahr zu. Chr. AHRENT berichtet, dass sie am 29. 4. 2004 zusammen mit A. STAPEL innerhalb des Koppelzaunes 2693 (in Worten: zweitausendsechshundertdreiundneunzig!!!) und außerhalb nochweitere 96 blühende Exemplare gezählt habe.
Zählungen aus anderen Jahren, welche die Entwicklung quantitativ detailliert belegen könnten, sind mir leider nicht bekannt.
In der Folge der zweiten Kreisgebietsreform im Jahre 2011 verlor Neubrandenburg seinen Status als kreisfreie Stadt und damit ging die Verantwortung für den Naturschutz auf den Landkreis über. Das bekam der Schachblumenwiese zunächst nicht gut. Die Mahd unterblieb, es entstand das typische Bild einer Wiesenbrache mit Schilfaufwuchs. Auch die Weidenbestände am Rande waren bereits stark in Ausbreitung begriffen und bedrängten die freien Flächen.
Seit dem Herbst 2014 nun hat die NABU-Ortsgruppe Neubrandenburg unter dem Vorsitz von Gunter PANNER die Pflege übernommen. Beim ersten Einsatz dominierten noch die Motorsägen, um das Weidengebüsch zurück zu drängen. Seitdem wird die Wiesenfläche wieder regelmäßig zweimal im Jahr gemäht (mit Hand – und Motorsensen) und jeweils anschließend beräumt. Der Schachblumenbestand hat die kurze zwischenzeitliche Vernachlässigung gut überstanden, blüht wieder wie in seinen „besten Zeiten“ und erscheint nun auf Dauer gesichert. Zur Blütezeit im Frühling kann es „unser FND“aus ästhetischer Sicht inzwischen mit jeder Gartenschau aufnehmen!

Zusatzbetrachtungen:
Die Schachblumen dominieren während ihrer Blütezeit eindeutig und eindrucksvoll das Bild auf der Wiese. Auch die gleichfalls seinerzeit eingebrachten Herbstzeitlosen (Colchicum autumnale) sind noch zu finden, wenn auch in deutlich geringerer Zahl. Dagegen sind die Trollblumen (Trollius europaeus) leider verschwunden.
Die Wiese hat jedoch noch andere botanische Kostbarkeiten aufzuweisen. In der erwähnten Artenliste von 1988 sind weitere 11 stark gefährdete Pflanzenarten für diesen Standort aufgeführt (Rote Liste MV 1985), darunter die prächtige Kuckucks-Lichtnelke (Lychnisflos-cuculi), der Teufelsabbiß (Succis apratensis)und das Sumpf-Herzblatt (Parnassi apalustris).Die Rote Liste MV von 1985 führt die Schachblume unter der höchsten Schutzkategorie „vom Aussterben bedroht“. Das unterstreicht ihre Seltenheit und ihren Wert, erscheint aber andererseits widersprüchlich angesichts ihrer hier sichtbaren Vermehrungsfreudigkeit nach erfolgter Ansiedlung.
Vielleicht brauchte sie mittelfristig gar nicht mehr „vom Aussterben bedroht“ zu sein, wenn die „Methode SAHRE“ gelegentlich mal wieder angewendet werden würde?

Abb. 1: Aller (Wieder-) Anfang ist schwer (September 2014) Foto: NABU

Abb. 2: Die letzten Handgriffe beim Sommereinsatz Foto: NABU

Abb. 3: Ausschnitt aus dem Bestand (Frühjahr 2016) Foto: Krebber

Abb. 4: Man sieht: Die Pflegearbeiten haben sich gelohnt! (Frühjahr 2016) Foto: Krebber